Internate für Problemkinder

 Nicht nur für Problemkinder?

Nachfragemotive der Internatskundschaft
>>Dann haben wir aber noch oben ein Drittel, das ich als internationalisiertes Drittel bezeichnen würde. Das ist eine viel kleinere Zahl, aber eine wachsende Zahl. Und hier beobachte ich, dass auch oben der Bildungsvertrag aufgelöst wird. Man schickt seine Kinder bei den ersten Anzeichen von Problemen in englische Elite-Internate oder auf internationale Schulen, wo sie englisch unterrichtet werden, dass sie ja den An- schluss an die internationalen Eliten finden. Da ist schon das Beamtenkind oder das eines Abteilungsleiters in einem Industrieunter-nehmen abgehängt.“ (Ex-Verfassungsrichter Udo di Fabio in WELT Online vom 08.02.2012). 
 
>> „Ich bin in all den Jahren als Minister manchmal Maklern, Investmentbankern und Jungunternehmern begegnet,  die von einer erschreckenden Dünkelhaftigkeit, Selbstbe-zogenheit und Herablassung gegenüber dem gemeinen Volk waren. […] Nicht selten tauchen in ihrem Schlepptau schwer er- ziehbare, weil völlig verwöhnte Kinder auf, die dann auf Internate mit der Begründung geschickt werden, dass die öffentlichen Schulen in Deutschland zu schlecht seien. (Ex-Finanzminister Peer Steinbrück in WDR5 Redezeit, Sendung vom 04.10.2010) 
 
>> Dank der Auslese durch die psycholo-gischen Tests sind unter den Schülern keine Problemkinder. (Berliner Zeitung vom 28.08. 2001 über die Schülerauswahl der Sächsi- schen Landesschule für mehrfach Hochbe- gabte St. Afra in Meißen)
 
>> Von "normalen" Problemen anderer Internate oder Schulen ist auch das Vor- zeigegymnasium nicht frei. Es sind immer Einzelfälle, aber Schüler berichten von Drogen, Alkohol, Diebstahl, Mobbing, autis-tischen Kindern und vom Ritzen der eigenen Haut unter psychischem Druck. Im Mai drohte ein fast Achtzehnjähriger im Internet mit einem Amoklauf, scherzhaft zwar, aber von der Schulleitung sehr ernst genommen. (Die „taz“ vom 14.09.2011 unter dem Titel: Hochbegabten-Schule St. Afra - Eliteinternat in schwerer Krise)

>> Auch wir haben Schüler mit Magersucht, Abhängigkeit von Medien und Verwahr-losung. Das gibt's überall, ganz massiv. Deshalb brauchen wir einen Therapeuten und Sozialarbeiter für schwere Fälle." (J. Gillrath, Leiter des Norbert-Gymnasiums Knechtste- den, Eliteschule des Sports)

>> Sonia Bogner sagte einmal: "Unsere Kinder sind kleine Terroristen. Sie finden es cool, nicht zu lernen." Die Schulleiterin meint: "Wir wissen nicht, warum ihn die Eltern aus dem Institut [auf dem Rosenberg, St. Gallen] ge- nommen haben." Insider schon: "Weil er sonst geflogen wäre." Mehrfach soll Bernhard die Schule gewechselt haben. Zuletzt besuchte er das Elite-Internat "Zuoz" bei St. Moritz.
 
>> Zitat: „Untugenden lernt man sehr schnell dort z.B. Klauen, Rauchen, Gewalt, Drogen etc.“                                                           Natürlich gibt es dort Jugendliche, die damit zu tun haben. Deswegen sind sie dort (im Internat sind NICHT nur ADS-ler, nicht ver- gessen)!! Meine sind damit nicht in Be- rührung gekommen. Sie sind aber auch nicht offen dafür. (Eltern-Chat zum Thema 'Inter- nat Fredeburg')
 
>>  Aus persönlichen Erfahrungen kann ich da nur sagen, es war längst überfällig, dass Informationen an die Öffentlichkeit kommen. Die Sportler sind einem hohen Druck aus- gesetzt sowohl in der Schule als auch im Sport. Der Anteil der so genannten "Nicht-sportler" wird in den Klassen 9 und 10 immer größer, so dass sich die Frage stellt, wer ist hier noch richtig. […] Immer wieder höre ich in letzter Zeit davon, dass auch Drogen dort ein Thema ist. Übers "kiffen" redet ja schon keiner mehr, inzwischen wird aber auch Koks verkonsumiert.“
„Ich war auch mal Schülerin an dieser Schule und kann bestätigen, dass gerade an so genannten Eliteschulen oder Sportschulen der Leistungsdruck etwas höher ist und vielleicht auch deswegen mehr Mobbing untereinander herrscht. Gerade ehemalige Leistungssportler waren immer vorn dabei, andere nicht so Sportliche vorzuführen oder verbal zu erniedrigen.“
„Wer dem Druck des Eliteseins, dem Eli- tären, ausgesetzt ist, läuft leicht Gefahr, dass ihm die Sicherungen durchbrennen.“   
(Leserkommentare zu dem Beitrag „Miss-brauchs- und Gewaltverdacht gegen Pots- damer Sportschüler“ in Potsdamer Neueste Nachrichten  vom 18.10.2011)
 
>> "Es entstand bei uns teilweise der Einruck, dass Kinder ihren Eltern zuliebe dort sind und Karriere machen. Oder, weil sie einfach aus den unterschiedlichsten Grün- den von zuhause weg wollten. […] Es gibt kaum Schmierereien, die Schule ist sauber, [...] allerdings auch keine Türken, Araber, oder ähnliche Gruppen mit Migrationshinter-grund. Dafür viel Narrenfreiheit für sportliche Leuchten und eine Menge Kids, die in anderen Schulen wegen Zappelei oder ähnlichen Störungen auffällig waren oder wären. Tja, und man ist drin in dem System, sowie das Kind aufgenommen wurde: Plötzlich verselbständigt sich Vieles, weil man Dinge geschehen lässt, die man vorher für undenkbar hielt. Weil das Kind selbst dort Blut geleckt hat und dabei sein will in dieser Riesentraumfabrik. Elite eben... und alles nur für diese Anerkennung von außen. (Kom- mentar einer Schülermutter zu dem Beitrag: „Verdächtige Sportschüler dürfen bleiben“, Potsdamer Neueste Nachrichten vom 27.10.2011).

>>  Wie komm ich aufs Internat?               Heii.. Ich habe in den Ferien einen Jungen kennen gelernt in den ich mich verliebt habe. Und das doofe ist, er musste wieder zurück aufs Internat. Und da habe ich mir überlegt auch dahin zu wechseln.

>> Chelsea: Ich bin 13 Jahre alt, spiele Klavier und Altflöte, segle und spiele Golf, zeichne die Illustrationen für das Schuljahr- buch und habe einen Notenschnitt von 1,3 aber ich möchte nicht weiterhin auf meine Schule gehen, weil ich die Lehrer nicht ausstehen kann, die meisten anderen Schülerinnen extrem zickig oder bitchig sind. Außerdem möchte ich gerne auch mal von zuhause weg.

>> Melina (13): Hallo ich komme nächstes Jahr in die 8. Klasse eines Gymnasiums, allerdings mag ich meine Schule nicht besonders deshalb suche ich ein Internat in Niedersachsen. Es sollte unter 500 Euro im Monat kosten und am liebsten wäre es mir (es muss nicht unbedingt sein) dass es den Schwerpunkt Kunst oder Schauspiel oder ähnliches hat.

>> Meine Noten waren immer im Durch-schnittsbereich. Und in der 11 meinten die Guten und Intelligenten, dass sie auf ein Internat in England gehen, wie viele spießige deutsche Schüler. Da habe ich mir gedacht, komm, zeigste mal den ganzen Sessel-pupern,  dass du das auch kannst! Und da bin ich, in England auf nem Top Internat, immer noch nicht gut, aber gut genug, um durchzukommen ;-).

>>  Frage von crazyLina 05.09.2010 - 19:17
Heii ihr (:
Also ich hab beschlossen, dass ich gerne auf eine Schule oder auf ein Internat gehen möchte, dass eigentlich für Reiche Kids ist… oder für die, mit Stipendium.
Gibt es in Deutschland solche Schulen oder Internate? Wenn ja, wo? Oder wie heissen diese Schulen?
  Antwort von freezer899 05.09.2010 - 19:21 am bodensee in salem gibt es eine eliteschule mit internat.
Kommentar von LilithSH 05.09.2010 - 19:23
Jep, Salem kostet um 6000 € :)
Kommentar von CrazyLina 05.09.2010 - 19:25 Danke.. ich schau mir mal die HP an 
  Antwort von Bettina867  05.09.2010 - 19:19  Als hättest du das Geld xDDDD
Kommentar von CrazyLina 05.09.2010 - 19:20 Hahaha… meine Eltern haben… sie wollen mich doch selbst in so ein Internat schicken.
Kommentar von Bettina867 05.09.2010 - 20:35  ahja
 
>>  Frage von Sahhz 21.02.2011 - 18:10
Heey.
Wie ihr vllt. in meiner vorherigen Frage gelesen habt, möchte ich evtl. auf ein Internat gehen. Habe viel von Schule Schloss Salem gehört. Viel gutes, aber auch schlechtes. Würdet ihr mir Salem empfehlen? Ja? Nein? Bitte mit Begründung! Geht ihr selbst auf Salem oder seit ihr mal darauf gegangen? Weitere Infos dazu fände ich auch ganz nett. :)
LG. Sahhz
 
Antwort von Spiess 21.02.2011 - 18:12
naja, unsere Familie geht da schon seit der Gründung hin - ich kenne nichts anderes, kenne aber auch Deinen Hintergrund nicht. Guck´s Dir halt an. Es fühlt sich nicht jeder wohl dort, der da auch nicht so 100%ig hingehört. 
 
Antwort von Lebensschule  21.02.2011 - 18:11
Salem verfolgt schon eher den elitären Gedanken. Bedingt durch das recht hohe Schulgeld findet ja schon eine Selektion statt. Mein Fall wäre das nicht.
 
Kommentar von infofrog 22.02.2011 - 10:52
Wer sich es leisten kann, sollte das machen. Das Schulgeld ist hoch, weil die Kosten hoch sind.
Kommentar von Sahhz 22.02.2011 - 16:20   Wie viel kostet das pro Monat über- haupt? o:
Kommentar von Lebensschule  22.02.2011 - 16:43  2.600 im Monat plus Zusatzkosten und Aufnahmegebühr
Kommentar von Sahhz 24.02.2011 - 14:04
Geht ja noch. (:
Kommentar von FreDDax33 24.02.2011 - 16:24
Geht ja noch?! :D  Ich find die Preise sind krank, Tschuldige für den Ausdruck ! :D
Mal im Ernst, wie viel verdienen deine Eltern, wenn das 'noch geht'?! Oder war das Ironie, weil wenn ja, dann konnte zumindest ich es nicht raushören ! :P
Kommentar von Sahhz 24.02.2011 - 20:55
War keine Ironie! O_O Aber wenn die Lehrer einen nicht mobben & da keine asozialen & dummen Kinder hingehen.. (glaube zu Mindestens nicht das sich da solche Leute tümmeln :D xD ) Der Unterricht & Lehrer auch seehr streng sind & eben nicht alles durch gehen lassen & wenn man da wirklich gefordert und nicht unterfordert wird ((wie an den vieelen Gymnasien an den ich schon war..) ist der Preis nicht viel.. o:
Ich sag hier nicht wie viel meine Eltern verdienen oder was die von Beruf sind. O_o
 

Die Frage einer Internatsunterbringung stellt sich – bei rein objektiver Betrachtung – für die meisten Sorgeberechtigten erst im Zusammenhang mit Problemen der schulischen Entwicklung oder der häuslichen Erziehung. Dabei können die Sensibi- litätsschwelle bei der Wahrnehmung solcher Schwierigkeiten  bzw. der Interventionspunkt  für das Ergreifen einschneidender Gegenmaßnah- men individuell stark variieren. Typisch für einen Großteil der  Internatskundschaft ist in diesem Zusammenhang allerdings eine Sprachregelung mittels sog. Tarnmotive, hinter denen selbst schwerwiegende familiäre, gesundheitliche, entwicklungsbedingte, erzieherische oder schuli- sche Komplikationen versteckt werden können. 

Spitzenreiter auf der Hitliste  der vorgeschobenen Beweggründe  ist  von  je her  die Kritik am staat- lichen Schulsystem in Deutschland. Nummer zwei besetzt notorisch der Wunsch nach  "besonderer Förderung" des Nachwuchses. Hier scheint zwar der sonderpädagogische Charakter von Internatserziehung bereits verdächtig durch, doch soll mit solchen Formulierungen wohl eher die Entdeckung und Entwicklung bislang verborgener Talente des Kindes angesprochen werden, die zur Selbstperfektionierung bzw. Selbststeigerung oder zumindest zur Kompensation unleugbarer  Defizite in Dienst genommen werden können. Fokussiert  wird auf  eine notwendige  Blindheit des egalisierenden Unterrichtsbetriebs staatlicher Lehranstalten gegenüber den einzigartigen Eigenschaften des eigenen Kindes sowie die Verkennung von Begabungen (wenn nicht sogar Hoch- begabungen) durch gleichgültiges und unqua- lifiziertes Lehrpersonal,  wobei der Evidenzbeweis vorhandener Leistungsreserven und Entwicklungs- möglichkeiten des eigenen Nachwuchses durch den erreichten Sozialstatus der Eltern immer schon erbracht scheint. Hieran knüpft sich eine von der Internatswerbung geschickt unterstützte Erwartungshaltung, teure Privatinstitute ließen die nicht in Frage zu stellende, sondern durch entsprechende "Erfolge" stets zu bestäti- gende Entwicklungsfähigkeit höherer Töchter und Söhne förmlich explodieren, indem diese nun in kleineren Klassen von engagierteren Lehrern im Kreise handverlesener Mitschüler individueller "gefördert" würden. Zusätzliche selbststeigernde Kräfte misst man dem Belohnungssystem einer exklusiven Freizeitanimation sowie den im Betreuungspaket enthaltenen Sanatoriumsbe- dingungen à la "Zauberberg" mit gepflegtem Märchenschloss-ambiente, Seesicht und/oder Alpenpanorama bei.

Die hier beschriebene Camouflage kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass letztlich alle Internate es heute zum überwiegenden Teil mit "Problemkindern und -jugendlichen" zu tun haben - mag man dies der Öffentlichkeit gegenüber nun einzugestehen wagen oder nicht. Insofern ist die Bildung einer Unterkategorie "Internate für Problemkinder" eigentlich überflüssig. Sie wird hier nur deshalb eingeführt, weil Einrichtungen mit einem solchen Profil tatsächlich vermehrt nachgefragt werden, während andererseits Tendenzen einer "Elitisierung" bestehen, durch die Internate sich ausdrücklich von der Betreuung junger Menschen mit Entwicklungs-, Verhaltens- und Lernschwierigkeiten distanzieren, wie immer sich dies in der Realität des Internatsalltags dann letztlich auch darstelllen mag.
 
Wozu gibt es eigentlich Internate?      
Bis weit in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein war die Teilnahme an höherer Bildung für begabte Kinder aus dem ländlichen Raum vielfach nur mit Hilfe von öffentlich, kirchlich oder privat getragenen Internatsschulen, Schüler- heimen und Pensionaten möglich. Die Zahl von Lateinschulen und „Gymnasien“, später auch Realgymnasien, "Mittelschulen" und beruflichen Schulen, die vorwiegend in städtischen Zentren angesiedelt waren, konnten mit der wachsenden Bildungsnachfrage nicht Schritt halten. Erst zu Beginn der 1980er Jahre war ein flächen- deckender Ausbau des höheren Bildungs- wesens erreicht.  Bis zu diesem Zeitpunkt stand für die Mehrzahl der kirchlichen und staatlichen Internate noch der Gedanke einer elitären „Auslese“ im Vordergrund. Die Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit schulischen Defiziten oder gar Erziehungsschwierigkeiten und psychischen Störungen hatte - mit Ausnahme vielleicht der Deutschen Landerziehungsheime - im Selbstverständnis der Internate noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts keinen Platz.

Allerdings gab es auch unter den Kindern der Gebildeten und Begüterten natürlich immer schon  "Problemfälle", die den ständig wachsenden Anforderungen einer „standes-gemäßen“ Bildung aus unterschiedlichsten Gründen nicht genügten. Nur wurde die Behebung individueller Defizite oder Benachteiligungen weithin nicht als gesellschaftliche Aufgabe betrachtet. Wer der "Begabten-Auslese" der höheren Schule zum Opfer fiel, hatte dies als persönliches Schicksal zu akzeptieren bzw. musste, sofern er wirtschaftlich dazu in der Lage war, zur Selbsthilfe greifen. Hierbei gewann die Unterstützung und Beratung durch (Seelen-)Ärzte oder (Heil-)Pädagogen ab dem 19. Jahrhundert zunehmende Bedeutung, deren "Fachwissenschaften" sich allerdings noch in den Anfängen befanden. 

Die Landerziehungsheime als "gehobene Sonderschulen“  

Als Ende des 19. Jahrhunderts die Ideen englischer Lebens- und Bildungsreformer auch in Deutschland aufgegriffen wurden und die ersten "Landerziehungsheime" entstanden, dominierten in deren offizieller Rhetorik zwar die Eliteideale des antiken Griechenland. Der gesellschaftliche Bedarf, auf den die Landheimgründungen stießen, ging aber in eine gänzlich andere Richtung. Wer bereit war, erhebliche Mittel für eine "neue Pädagogik" auszugeben, suchte zumeist Lösungen für Kinder und Jugendliche, die als so genannte „Psychopathen“ oder aufgrund von Einschrän- kungen ihrer schulischen Leistungsfähigkeit vor sozialem Abstieg bewahrt werden sollten.

Einige Gründerpersönlichkeiten der Lander- ziehungsheimbewegung, etwa Hermann Lietz, Paul Geheeb und Hugo Landmann, hatten vor Eröffnung ihrer Institute praktische Erfahrungen in dem bei Jena gelegenen Heilerziehungsheim "Sophienhöhe" des Bremer Volksschullehrers und Begründers der deutschen Heilpädagogik, Johannes Trüper, gesammelt. Diese zur damaligen Zeit revolutionäre Einrichtung  war ausdrücklich für „erziehungsschwierige Kinder aus besseren Verhältnissen"  bestimmt.  Hier hatte Johannes Trüper im Grunde die wesentlichen Elemente der späteren Landheim-Pädagogik bereits entwickelt und sah sich durchaus auch als  ihr "spiritus rector". Trüper schickte seine „Psychopathen“, wie man von seelischer Behinderung bedrohte Kinder und Jugendliche damals nannte, nach erfolgreicher Behandlung gern auf die nach und nach entstehenden Landerziehungsheime, die nur in ihrer Rhetorik "elitär" auftraten und das englische Vorbild bemühten, in ihrer Praxis jedoch von Anfang an eher therapeutische Aufgaben erfüllten. So stellte der Arzt und Heilpädagoge  Prof. Eugen von Düring in seinem 1925 erschienenen Werk „Grundlagen und Grundsätze der Heilpädagogik“ fest: 

„Eine eigenartige Beobachtung kann man in Landerziehungsheimen machen. Bestimmt ist doch nur ein Teil der Zöglinge deshalb in diesen Heimen, weil die Grundsätze der Erziehung den Grundsätzen der Eltern entsprechen. Der größere Teil ist dort, weil die häuslichen Verhältnisse Erziehungs-schwierigkeiten in sich bergen, in irgendeinem Sinne, oder weil die Kinder Erziehungsschwierigkeiten machen“ (Ernst v. Düring: Grundlagen und Grundsätze der Heilpädagogik. Erlenbach-Zürich 1925, S. 272).     

An dieser Situation hat sich lange Zeit wenig geändert. Der Gegensatz zwischen dem elitären Anspruch der Landerziehungsheime und einer eher durch heil- und sozial-pädagogische Aufgaben bestimmten Wirklichkeit blieb bestehen. Anfang der 70er Jahre resümiert die Hamburger „ZEIT“: 

„Balanceakte am Rande der Pleite – der wirtschaftlichen wie der pädagogischen – das kennzeichnet die Situation der deutschen Internate“. 75% der Internatskinder seien problematisch, heißt es weiter, die Hälfte zeitweilig gar auf therapeutische Hilfe angewiesen. „Anstalten wie Schondorf, Salem oder Birklehof“ seien „Orte, an denen oft mäßige Pädagogen schlechte Schüler unterrichteten: Mülleimer der Pädagogik.“ (Uli Weyland: Internate - Eliteschulen der Nation? In: ZEITmagazin, Nr. 35/ 1972, S. 2 ff.).

Bis heute vollzogen Internate der übrigen Träger eine Hinwendung zu der Aufgabe, vor allem die Verlierer des Bildungssystems aufzufangen und zu betreuen. Ein Hauptgrund dieser Veränderung war zunächst der Ausbau des weiterführenden Bildungsangebots auf dem Lande, durch den viele Internate schlicht überflüssig wurden. Gleichzeitig nahm aber aufgrund tiefgreifender gesellschaftlicher Verände-rungen (Auflösung verwandtschaftlicher Bindungen und Hilfssysteme, Urbanisie-rung, wachsende Zahl der Ehescheidungen, Zunahme der beruflichen Belastungen, Erziehungskrise, Öffnung der weiterführenden Schulen auch für die weniger Leistungsfähigen) die Zahl derer erheblich zu, die einer außerfamiliären Unter-stützung im schul- und sozialpädagogischen oder therapeutischen Bereich bedurften. Die Bonner Kulturpsychologen Michael Ley und Herbert Fitzek bestätigten im Jahr 2005 diesen Befund, indem sie auch für das Klientel kirchlicher Internate feststellten: 

„Die Krisen und Konflikte, die durch die Pubertät zugespitzt werden, bestimmen [zugleich] die Erwartungen an die Internats- erziehung. Es ist eine ausgesprochene Notsituation, in der sich die Familien an die Internate wenden. Sie kommen nicht freiwillig oder weil sie ihren Kindern etwas Gutes tun wollen, sondern weil sie in einer erheblichen Klemme stecken, aus der sie durch eigene Kraft nicht mehr heraus können“ (vgl. „Alltag im Wunschformat – Über Internatserziehung im Blick der Eltern“, Bonn 2005).

 Anspruch und Wirklichkeit

Die Stammkundschaft der LEH rekrutiert sich auch heute noch überwiegend aus finanzkräftigen Selbstzahlern, zum Teil aber auch aus Geringverdienern, bei denen Jugendämter die Kosten übernehmen. Unter bestimmten Voraussetzungen können sogar Gutsituierte sich die Internatsunterbringung ihres Nachwuchses von Vater Staat bezahlen lassen, sofern die Voraussetzungen des § 35a Sozialgesetzbuch VIII vorliegen (Eingliederungs- hilfe bei Abweichen der seelischen Gesundheit von dem für das Lebensalter des Kindes typischen Zustand). "Hilfe zur Erziehung" oder "Hilfe zur sozialen Eingliederung" in sozial exklusiven Luxus-Internaten (deren privat zahlende Kundschaft übrigens zum Teil als ebenso "schwierig" gilt wie die der öffentlichen Jugendhilfe-Einrichtungen) ist allerdings nicht unumstritten (siehe Kasten).

Erziehungshilfe im (vermeintlichen) „Eliteinternat“ ist jedoch vor allem für eine statusorientierte Selbstzahler-Klientel ein peinliches Faktum. Ungeachtet der Eigenschaften des eigenen Nachwuchses „investiert“ der Besser- verdienstler nur in Erziehungs- und Bildungsstätten, die einen „guten Ruf“ vorzuweisen haben. Daher ist man nicht nur auf soziale Exklusivität bedacht, sondern auch auf ein möglichst positives soziales Umfeld, das sich nur über eine möglichst strenge Auswahl der übrigen Schüler herstellt („Auf Eliteinternate“ gehören nur die Besten… und mein eigenes Kind!). Da allerdings die meisten Wohnschul- kunden nach eben dieser Devise handeln, sammeln sich in Luxusinternaten eben genau die weniger Leistungsbereiten oder Leistungsfähigen und Verhaltensauffälligen. Damit diese das Unterrichtsniveau und das soziale Klima nicht massiv beeinträchtigen, müssen die Landerziehungsheime zur „Blutauffrischung“ Bewerber mit „positiven Eigenschaften“ (gute Zeugnisnoten, herausragende Talente, vorbildliches Sozialverhalten) anlocken, denen bei Bedarf Kostenermäßigungen gewährt werden (Stipendiaten). Dies wiederum gelingt nur, wenn man dieser „Zielgruppe“, die den Besuch solcher Reichekinderverwahranstal-ten ja eigentlich nicht nötig hätte, gewisse Vorteile suggeriert, in deren Genuss man angeblich nur durch den Besuch eines Landerziehungsheims kommen könne. Dies geschieht vor allem im Rahmen einer strategischen Selbstaufwertung, deren Ele-mente Legendenbildung, Geschichtsfälschung, Hochstapelei und Tatsachenver-leugnung*) sind. Diese Selbstaufwertung ist umso notwendiger, als sich die Konkurrenzsituation in den letzten Jahren dramatisch verschärft hat. So sehen sich die Landerziehungsheime in einem internationalen Wettbewerb mit teuren und traditionsreichen Einrichtungen rund um den Globus, insbesondere in England und Nordamerika. Im Inland werben staatliche Neugründungen für Hochbegabte oder Spezialbegabungen die Creme potenzieller Leistungsträger mit auf ein Minimum heruntersubventionierten Internatsgebühren ab. Hinzu kommen exklusive Luxus-Projekte privater Investoren, die vor dem Hintergrund der zunehmenden Refeudalisierung der bundesdeutschen Gesellschaft in einer künftigen Privatisierung und Kommerzialisierung der Bildung ein einträgliches Geschäft wittern.           

Zu allem Überfluss wecken immer wieder Skandalberichte in den Medien [die allerdings nicht nur deutsche Nobelschulen betreffen!] erhebliche Zweifel bei der statusorientierten Kundschaft und natürlich auch potenziellen Stipendiaten, ob die Realität in den vermeintlichen Eliteinternaten nicht eine ganz andere sei als behauptet wird. Nach allgemeinem wissenschaftlichen Erkenntnisstand führt die Konzentration von Problemkindern zwangsläufig dazu, dass "Zucht und Ordnung" sowie angemessene Leistungsanforderungen nur noch mühsam aufrecht zu erhalten sind. Dies gilt insbesonder dann, wenn man sich der Situation nicht wirklich stellen will und auf alarmierende Entwicklungen oder Einzelereignisse mit Verdrängung, Verleugnung und Vertuschung reagiert, damit der "gute Ruf" nicht beschädigt werde. Zu einer weiteren Verschärfung des Widerspruchs zwischen Selbstverständnis und Realität kommt es durch die Aufnahme von Erziehungshilfefällen über öffentliche Kostenträger, mit denen gerade die Landerziehungsheime sich bei ausbleibender Privatkundschaft gern ein existenzsicherndes Zubrot verdienen.  Dass hier tatsächlich erhebliche Gefährdungsrisiken entstehen, die hauptsächlich zu Lasten des geringen Anteils "normaler", d.h. leistungsbereiter, wohlerzogener und körperlich weniger durchsetzungsfähigen Schülerinnen und Schüler geht, lässt sich kaum leugnen. Siehe hierzu die nachfolgenden Links mit besonders eindrücklichen Beispielen:

 

Die Vorstellung gut situierter Eltern, mit Hilfe teurer Internate ihre "Sprösslinge in Sicherheit" vor Fehlentwicklungen an öffentlichen Schulen (Drogen, Mobbing, Gewalt etc.) bringen zu können, wie es die Internatswerbung seit Jahrzehnten zu suggerieren versucht, wird vor diesem Hintergrund als pure Illusion entlarvt. Als ein weiterer Kritikpunkt ist in den Blick zu nehmen, dass viele der teuren Nobelinternate zwar mittlerweile sogar anerkannte Jugendhilfe-Einrichtungen sind bzw. überwiegend Aufgaben der Erziehungshilfe erfüllen, ohne jedoch hierfür angemessen strukturiert und ausgestattet zu sein. „Vielfach nur ein pädagogisches Existenzminimum an Aufwand und äußerer Leistung“ attestierte der Kieler Professor für Sozialpädagogik und ehemalige pädagogische Leiter des Landschulheims am Solling, Heinrich Kupffer, den Deutschen Landerziehungsheimen im Vergleich zum Standard von Jugendhilfeeinrichtungen (= öffentliche Heimerziehung) bereits in den 1970er Jahren.

Die Einsicht in die unzureichende Eignung traditioneller Internatskonzepte für Kinder und Jugendliche mit gravierenden Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen, mehr aber wohl noch die negative Wirkung der Sozialpädagogisierung der Internate auf das Image der deutschen Internate und das Nachfrageverhalten der Elternklientel, haben seit etwa Mitte der 1980er Jahre zu einer Gegenbewegung geführt, die einen "Imagewandel" des Internats im Sinne einer "Elitisierung" bewirken wollte.

Siehe hierzu auch die Beiträge:
Die Bestrebungen, das Internat (wieder) als elitäres Bildungsangebot zu etablieren, allerdings auch die praktische Erfahrung, dass Internate den ihnen zugewachsenen sozialpädagogischen Aufgaben häufig kaum gerecht wurden, hat zu einer stärkeren Ausdifferenzierung des Angebots, etwa zur Gründung so genannter "sozialtherapeutischer Internate", geführt, die sich teilweise auf besondere Problemgruppen wie z.B. AD(H)S-Kinder, spezialisieren (Eine kleine Liste solcher Internate finden Sie am Ende dieses Beitrags!).

Andererseits muss festgestellt werden, dass die Bemühungen der Landerziehungsheime, durch „Elitisierung“ eine Aufwertung ihres Images zu erreichen, spätestens mit der im Frühjahr 2010 einsetzenden vehementen Diskussion über inflationären sexuellen Missbrauch und Gewalt in zahlreichen "Eliteinternaten", die noch immer andauert, vollständig gescheitert sind.

Siehe hierzu:

Ulrich Lange

Anschriftenliste
Internate für Problemkinder
 
Internat für Schulschwänzer (Keine Webseite verfügbar)
Buckower Damm 176  
12349 Berlin-Neukölln 
Tel.: 030 4148379
 

Presseberichte zum Internat für Schulschwänzer:

Webseiten weiterer Einrichtungen:

 

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Internatsberatung der AVIB gemn.e.V.
Ulrich Lange,
Burgblick 3,
35327 Ulrichstein,
Fax: 03222 377 3044